Wieso zieht man in so ein Land? Das wird Svenja Oltmanns oft gefragt – und zwar von Mazedoniern. Zehn Monate lang wird sie hier studieren und in der NWZ regelmäßig über ihre Erlebnisse berichten. Erste Lektion: Warum man hier immer ein Buch dabei haben sollte.WIEFELSTEDE/SKOPJE Mazedonien – wo liegt das nochmal? Ach ja, mitten auf dem Balkan zwischen vielen kleinen anderen Ländern wie Serbien, Bulgarien, dem Kosovo, Albanien und Griechenland. Und wieso zieht man in so ein Land? Das ist die Frage, die ich hier am meisten gestellt bekomme. Alle Mazedonier wollen nach Deutschland und ich komme hier her – das kann nur die Liebe.
Auf meiner ersten Reise ins ehemalige Jugoslawien in 2011 wusste ich noch nicht einmal, dass dieses Land existiert und bin zunächst mit der Mitfahrgelegenheit nach Belgrad in Serbien gefahren. Dort habe ich geschaut, was auf der Landkarte noch so in der Nähe ist und bin dann zuerst in das Kosovo und von dort aus ins nicht weit entfernte Skopje in Mazedonien gelangt. Auf meinen Reisen übernachte ich meistens durch die „Couchsurfing“- Plattform bei wildfremden Menschen, die mir ihre Couch zum Schlafen anbieten. Dies ist übrigens die beste Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen und mit kleinem Budget zu reisen.
In Skopje holte mich damals ein netter junger Mann vom Busbahnhof ab, der heute mein Mann ist. Nach drei gemeinsamen Jahren in Deutschland holte ihn dann doch das Heimweh ein und zum Ende meines Studiums kann ich nun ein Jahr hier in Skopje als DAAD-Stipendiatin (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und als Mitglied einer großen mazedonischen Familie verbringen.
Ich bin nun seit Mitte September hier und studiere an der Fakultät für darstellende Künste an der staatlichen Universität in Skopje. Bereits vor meinem Aufenthalt wurde ich von der Familie gewarnt, wie chaotisch hier alles ablaufen wird und dass ich immer ein Buch dabeihaben sollte, da es manchmal passieren kann, dass man mehrere Stunden auf die Professoren warten muss. Das mit dem Warten stimmt, aber die Studenten vertreiben sich die Zeit mit einem türkischen Kaffee, vielen Zigaretten und einem guten typischen Frappé.
Vor meiner Ankunft wurde mir vom Büro für Austauschstudenten mitgeteilt, dass am 15. September das Semester beginnt. Als ich am 15. September an der Fakultät ankam, fand kein Unterricht statt und man sagte mir, dass der Unterricht erst nächste Woche anfangen würde. Also kam ich nächste Woche wieder und man erklärte mir, dass der Unterricht nun doch erst am 1. Oktober beginnt. Als ich dann am ersten Oktober dort ankam, fragte man mich, wo ich letzte Woche war. Und ich war nicht die einzige, der es so ging.
Der Unterricht hier ist meilenweit entfernt vom Unterricht an meiner anthroposophischen Hochschule in Ottersberg. Hier herrschen russische Lehrmethoden: Der Professor spricht und die Studenten hören zu, stellen keine Fragen und schreiben alles auf. Auf keinen Fall darf man ihn unterbrechen oder gelangweilt schauen – und wenn man eine Frage gestellt bekommt kann man sowieso nur falsch liegen, also braucht man es gar nicht erst zu versuchen. Trotzdem muss ich sagen, dass die Professoren sehr nett und zuvorkommend sind und öfter mal nach dem Unterricht mit ihren Studenten einen Rakia, den hier typischen, selbstgebrannten Traubenbrand, trinken.
Nach meinem ersten Monat hier bin ich noch sehr positiv gestimmt und das gelegentliche Chaos gefällt mir sogar. Jede Woche fragt mich meine Schauspielprofessorin, ob ich Mazedonien immer noch mag. Meine Antwort war bisher immer „Ja“ – und sie antwortet dann immer: „Warte noch eine Woche, dann . . .
(wird fortgesetzt)






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